Die Geschichte des ersten Webbrowsers
Es war das Jahr 1990. Angela Merkel war noch Physikerin, Windows bestand hauptsächlich aus grauen Kästen, und wer das Wort „surfen“ benutzte, stand vermutlich auf einem Brett im Wasser.
Das Internet gab es bereits. Universitäten, Forschungseinrichtungen und Militärbehörden tauschten darüber Daten und Nachrichten aus. Doch für normale Menschen war dieses Netz ungefähr so einladend wie der Heizungskeller eines Rechenzentrums. Man musste Befehle kennen, Adressen eintippen und ziemlich genau wissen, wo eine Information lag. Einfach mal schauen, was es dort draußen gab – das ging nicht.
Am europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf herrschte unterdessen ein ganz eigenes Problem. Tausende Wissenschaftler kamen aus aller Welt, arbeiteten an verschiedenen Projekten und benutzten unterschiedliche Computer. Dokumente lagen hier, Versuchsdaten dort, Telefonnummern wieder woanders. Wer etwas suchte, musste vor allem eines mitbringen: Geduld.
Der britische Informatiker Tim Berners-Lee fand das ausgesprochen unpraktisch.
Bereits 1989 hatte er vorgeschlagen, Informationen über elektronische Verweise miteinander zu verbinden. Man sollte in einem Dokument auf ein hervorgehobenes Wort klicken können und sofort zu einem anderen Dokument gelangen. Heute nennen wir das einen Link. Damals war es eine ziemlich verwegene Idee. Sein Vorgesetzter notierte auf dem Vorschlag sinngemäß: etwas unklar, aber interessant.
Immerhin bekam Berners-Lee einen schwarzen NeXT-Computer. Diese eleganten Rechner waren technisch weit voraus und verfügten über eine grafische Benutzeroberfläche sowie leistungsfähige Entwicklungswerkzeuge. Im Oktober 1990 begann Berners-Lee darauf ein Programm zu schreiben, das seine Idee sichtbar machen sollte.
Er nannte das Programm schlicht:
WorldWideWeb.
Nicht besonders fantasievoll, könnte man sagen. Allerdings gab es damals nur ein einziges Programm, mit dem man das World Wide Web ansehen konnte. Da durfte es ruhig genauso heißen wie die ganze Angelegenheit. Später wurde der Browser in Nexus umbenannt, damit niemand mehr das Programm mit dem Web selbst verwechselte.
Der erste Browser konnte bereits erstaunlich viel. Er zeigte Texte in einem Fenster an, enthielt Menüs zum Vor- und Zurückblättern und ließ den Benutzer auf Verweise klicken. Sogar unterschiedliche Formatvorlagen waren möglich. Vor allem aber war WorldWideWeb nicht nur ein Browser, sondern gleichzeitig ein Editor. Man konnte Webseiten also nicht nur lesen, sondern direkt bearbeiten und neue Verknüpfungen anlegen.
Das entsprach Berners-Lees ursprünglicher Vorstellung: Das Web sollte keine Einbahnstraße sein, auf der einige wenige veröffentlichen und alle anderen nur zuschauen. Jeder sollte Informationen lesen, ergänzen und miteinander verbinden können. Der erste Browser war daher eher eine Mischung aus Internetprogramm und Textverarbeitung.
Auf demselben NeXT-Computer lief auch der erste Webserver. Er stand einfach in Berners-Lees Büro am CERN. Damit niemand den vermeintlich unbenutzten Rechner ausschaltete, klebte ein handgeschriebener Hinweis daran:
„Diese Maschine ist ein Server. Nicht ausschalten!“
Ein angemessener Anfang für eine Technik, auf der später Banken, Behörden, Zeitungen, Kaufhäuser und ein beträchtlicher Teil des menschlichen Alltags beruhen sollten.
Auch die erste Webseite war nicht sonderlich spektakulär. Keine Bildergalerie, kein Werbebanner, kein Hinweis auf Cookies, die angeblich nur dem „bestmöglichen Nutzungserlebnis“ dienen. Die Seite erklärte einfach, was das World Wide Web war, wie man einen eigenen Server einrichtete und wie man weitere Dokumente finden konnte.
Die erste Webseite der Welt handelte also davon, wie man weitere Webseiten baut. Das Web erklärte sich zunächst einmal selbst.
Noch war das Ganze allerdings eine ziemlich exklusive Veranstaltung. Der elegante grafische Browser funktionierte nur auf den seltenen und teuren NeXT-Rechnern. Deshalb entstanden bald einfachere Browser, die auch auf anderen Computern liefen. Diese zeigten zunächst überwiegend Text. Erst der 1993 veröffentlichte Browser Mosaic machte das Web mit seiner komfortablen grafischen Bedienung einem größeren Publikum zugänglich.
Mosaic war deshalb wichtig – aber er war nicht der erste Browser. Dieser Titel gehört WorldWideWeb, dem kleinen Programm auf Tim Berners-Lees schwarzem NeXT-Computer.
Entscheidend war schließlich eine Entscheidung des CERN: Am 30. April 1993 wurde die Webtechnik ohne Lizenzgebühren zur allgemeinen Nutzung freigegeben. Niemand musste Berners-Lee oder dem CERN Geld dafür bezahlen, einen Browser zu entwickeln, einen Server aufzustellen oder eine Webseite zu veröffentlichen. Das Web konnte sich frei verbreiten.
Aus einigen miteinander verbundenen Forschungsdokumenten wurden Millionen und später Milliarden von Webseiten. Aus dem unscheinbaren Browserfenster entstanden Nachrichtenportale, Suchmaschinen, Videokonferenzen, Onlinebanking und soziale Netzwerke.
Und natürlich Katzenvideos.
Der erste Browser wurde nicht entwickelt, um uns Schuhe zu verkaufen, Passwörter zu stehlen oder viermal täglich nach unserer Zustimmung zu Cookies zu fragen. Er sollte Menschen helfen, Wissen zu finden und miteinander zu verbinden.
Eigentlich eine wunderbar einfache Idee.
Man klickt auf ein Wort – und plötzlich öffnet sich eine andere Welt.
Weitere interessante Artikel hierzu aus unserem sagenhaften Archiv:
Tim Berners-Lee: Ein Meilenstein der Internetgeschichte
HTML, Links und Hyperlinks: Die kleinen blauen Wunder des Internets
