Es gibt Erfindungen, die verändern die Welt, und es gibt Firmen, die damit reich werden. Beides muss nicht dieselbe Firma sein. Netscape gehört zur ersten Sorte.

Wer Mitte der neunziger Jahre zum ersten Mal das Internet betrat – damals sagte man tatsächlich noch „ins Internet gehen“, als handele es sich um ein öffentliches Gebäude –, der tat das mit großer Wahrscheinlichkeit über Netscape Navigator. Das kleine Steuerrad drehte sich oben rechts im Fenster, das Modem pfiff und krächzte, und nach einer gewissen Zeit erschien tatsächlich eine Seite. Man war drin.

Ganz korrekt ist Netscape allerdings nicht der erste Internetbrowser gewesen. Der erste Browser für das World Wide Web stammte von Tim Berners-Lee selbst. Er entwickelte ihn 1990 am CERN auf einem NeXT-Computer und nannte das Programm zunächst schlicht „WorldWideWeb“. Das war historisch bedeutend, aber noch keine Massenveranstaltung. Das damalige Internet war ohnehin eine Angelegenheit für Universitäten, Wissenschaftler und jene Menschen, die Freude daran hatten, kryptische Befehle in schwarze Fenster zu tippen.

Für normale Leute war das ungefähr so attraktiv wie die Bedienungsanleitung einer Heizungssteuerung.

Das änderte sich 1993 mit Mosaic. Der Browser zeigte Texte und Bilder gemeinsam auf einer Seite, Links wurden angeklickt statt eingetippt, und plötzlich bekam das Internet etwas, was ihm bis dahin gefehlt hatte: eine Oberfläche, die auch ein Mensch verstehen konnte, der nicht Informatik studiert hatte.

Einer der Mosaic-Entwickler war der damals gerade 22-jährige Marc Andreessen. Der begriff sehr schnell, was da entstanden war. Gemeinsam mit dem Unternehmer Jim Clark gründete er eine Firma, aus der 1994 Netscape wurde. Ende desselben Jahres erschien der Netscape Navigator – und nun ging alles sehr schnell.

Netscape wurde innerhalb kürzester Zeit praktisch zum Synonym für das World Wide Web. Zeitweise liefen rund acht von zehn Besuchen im Web über Netscape. 1995 ging die Firma an die Börse, die Aktie schoss am ersten Handelstag in die Höhe, und plötzlich merkten auch Menschen, die das Internet bis dahin für eine Beschäftigung amerikanischer Studenten gehalten hatten, dass sich damit offenbar sehr viel Geld verdienen ließ.

Leider bemerkte das auch Microsoft.

Bill Gates hatte das Internet zunächst erstaunlich gelassen betrachtet. Microsoft dachte in Windows, Word und Excel. Das Betriebssystem war die eigentliche Machtbasis: Wer einen PC kaufte, bekam Windows, und wer Windows hatte, kaufte Software für Windows. Ein schönes Geschäft, übersichtlich und außerordentlich einträglich.

Dann kam Netscape und hatte eine ziemlich unverschämte Idee: Vielleicht würde eines Tages nicht mehr das Betriebssystem entscheidend sein, sondern der Browser. Wenn Programme im Browser liefen, könnte es dem Benutzer irgendwann gleichgültig sein, ob darunter Windows, ein Macintosh oder sonst etwas arbeitete.

Das war für Microsoft keine technische Petitesse. Das war eine Kriegserklärung.

Im Mai 1995 verschickte Bill Gates sein berühmtes Memo „The Internet Tidal Wave“, die Internet-Flutwelle. Microsoft hatte verstanden, dass das Web nicht wieder verschwinden würde. Und Microsoft reagierte auf neue Konkurrenz damals ungefähr so, wie ein Flugzeugträger auf ein Ruderboot reagiert.

Es kam der Internet Explorer.

Wer ihn damals benutzen musste, wird sich möglicherweise mit weniger Wärme daran erinnern als Microsofts Marketingabteilung. Besonders die frühen Versionen waren langsam, hakelig und keineswegs ein Musterbeispiel für elegante Software. Später wurde der Internet Explorer technisch besser, doch sein Ruf als schwerfälliger und absturzfreudiger Begleiter blieb ihm lange erhalten. Webseiten hingen, Fenster froren ein, Erweiterungen machten Ärger, und wenn der Explorer wieder einmal den Dienst quittierte, lernte der Benutzer eine der wichtigsten Fähigkeiten des Computerzeitalters: Geduld.

Das Erstaunliche ist deshalb: Microsoft gewann den Browserkrieg nicht einfach, weil es den besseren Browser gebaut hätte.

Microsoft gewann vor allem, weil es Windows besaß.

Der Internet Explorer wurde kostenlos mit Windows ausgeliefert und immer enger mit dem Betriebssystem verbunden. Netscape musste seinen Browser entwickeln, vermarkten, verteilen und irgendwie damit Geld verdienen. Microsoft konnte dagegen jedem PC-Käufer sagen: Warum wollen Sie sich eigentlich einen Browser besorgen? Sie haben doch schon einen.

Und tatsächlich: Da war er.

Man schaltete den neuen Rechner ein, und der Internet Explorer saß bereits darin. Ungefragt, kostenlos und schwer loszuwerden. Das ist im Geschäftsleben ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsvorteil.

Für Netscape war es verheerend. Das Unternehmen verdiente sein Geld mit einem Produkt, das Microsoft einfach verschenkte. Das ist ungefähr so, als eröffnete man eine gut gehende Bäckerei und am nächsten Morgen würde der Besitzer sämtlicher Häuser der Stadt kostenlos Brötchen in jede Küche legen.

Man kann dann natürlich weiterhin auf die Qualität seiner Backwaren hinweisen.

Man hat nur ein Problem.

Ab 1997 kippte der Markt. Microsoft verbesserte den Internet Explorer und nutzte gleichzeitig die ungeheure Verbreitung von Windows. Mit Windows 98 war der Browser so eng mit dem Betriebssystem verzahnt, dass Microsoft schließlich behauptete, der Internet Explorer sei gar kein gewöhnliches Zusatzprogramm mehr, sondern praktisch ein Bestandteil von Windows.

Das war technisch diskutabel, geschäftlich aber außerordentlich praktisch.

Netscapes Marktanteil stürzte ab. 1998 wurde die Firma von AOL gekauft. Der Browser, der wenige Jahre zuvor das Tor zum Internet gewesen war, geriet immer weiter ins Abseits. 2008 wurde Netscape Navigator endgültig eingestellt.

Microsoft hatte gewonnen.

Allerdings auf eine Weise, die schließlich auch die amerikanische Justiz interessierte. 1998 begann das berühmte Kartellverfahren „United States v. Microsoft“. Der Vorwurf lautete im Kern, Microsoft habe seine beherrschende Stellung bei PC-Betriebssystemen benutzt, um Konkurrenten wie Netscape aus dem Markt zu drängen. Zeitweise wurde sogar darüber diskutiert, Microsoft in mehrere Unternehmen aufzuspalten.

Dazu kam es nicht. Für Netscape spielte es ohnehin keine Rolle mehr. Wenn der Krankenwagen zehn Jahre später kommt, kann man sich über die gute Ausstattung des Fahrzeugs freuen, dem Patienten hilft sie nur begrenzt.

Aber die Geschichte besitzt eine hübsche Pointe.

Noch bevor Netscape unterging, hatte die Firma 1998 große Teile des Quellcodes ihres Browsers freigegeben. Daraus entstand das Mozilla-Projekt und daraus wiederum einige Jahre später Firefox. Ein Stück Netscape kehrte also zurück und wurde ausgerechnet zu einem der Browser, die Microsofts Internet Explorer später das Leben schwer machten.

Dann erschien 2008 Google Chrome – und nun bekam Microsoft selbst zu spüren, wie schnell ein scheinbar unerschütterlicher Marktführer alt aussehen kann. Chrome war schnell, vergleichsweise schlank und wurde von Google mit gewaltiger Macht in den Markt gedrückt. Der Internet Explorer verlor immer mehr Benutzer und wurde schließlich selbst zum Symbol einer vergangenen Epoche.

Microsoft versuchte einen Neuanfang. Der neue Browser hieß Edge und besaß zunächst eine eigene, von Microsoft entwickelte Browser-Engine. Doch damit handelte man sich ein Problem ein, das normale Benutzer kaum sehen: Ein moderner Browser gehört zu den kompliziertesten Programmen überhaupt. Er muss ständig neue Webstandards beherrschen, Sicherheitslücken schließen, Videos und Grafiken darstellen und mit Millionen unterschiedlich programmierter Webseiten zurechtkommen.

Und inzwischen gab es noch ein Problem: Google Chrome beherrschte den Markt. Viele Webseiten wurden deshalb in erster Linie mit Chrome getestet. Microsoft musste also einen enormen Entwicklungsaufwand betreiben, nur damit Edge am Ende möglichst genauso zuverlässig funktionierte wie Chrome.

Irgendwann stellte sich in Redmond die naheliegende Frage: Warum eigentlich?

2018 entschied Microsoft, die eigene Browser-Engine aufzugeben. Seit 2020 basiert Edge auf Chromium.

Dabei ist Chromium nicht dasselbe wie Google Chrome. Das wird häufig verwechselt. Chromium ist das weitgehend quelloffene technische Fundament eines Browsers. Google baut darauf Chrome, Microsoft baut darauf Edge, und auch andere Browserhersteller verwenden diese Grundlage. Jeder kann anschließend seine eigene Benutzeroberfläche, Funktionen und Dienste darum herum bauen.

Microsoft verwendet also keineswegs einfach „Google Chrome“.

Aber warum baut Microsoft nicht mehr alles selbst?

Natürlich spielt Geld eine Rolle. Eine eigene Browser-Engine zu entwickeln und über Jahre aktuell zu halten kostet ein Vermögen. Noch wichtiger ist jedoch die Kompatibilität. Wenn ein großer Teil des Internets ohnehin für Chromium-Browser optimiert und mit ihnen getestet wird, ist es für Microsoft wenig sinnvoll, parallel eine völlig eigene Maschine zu entwickeln, die am Ende dasselbe Ergebnis liefern soll.

Und Chromium ist technisch schlicht sehr gut. Schnell, leistungsfähig, sicher und durch eine riesige Entwicklergemeinschaft ständig in Bewegung. Microsoft kann seine Entwickler deshalb auf die Dinge konzentrieren, mit denen sich Edge von Chrome unterscheiden soll, statt immer wieder das technische Fundament des Browsers neu zu erfinden.

Damit endet der alte Browserkrieg mit einer bemerkenswerten Ironie.

Microsoft hatte Netscape einst bekämpft, weil man in Redmond fürchtete, der Browser könne eines Tages wichtiger werden als Windows. Microsoft gewann diesen Krieg mit aller Macht. Netscape verschwand. Und Jahrzehnte später gab Microsoft sogar seine eigene Browsertechnik auf und verwendet heute dasselbe offene technische Fundament wie sein größter Konkurrent Google.

Und Netscapes ursprüngliche Vorstellung?

Die hat sich tatsächlich erfüllt.

Wir schreiben heute E-Mails im Browser, erledigen Bankgeschäfte darin, bearbeiten Texte und Tabellen, kaufen ein, hören Musik, sehen Filme, verwalten Firmen und benutzen künstliche Intelligenz. Viele der eigentlichen Programme laufen irgendwo auf Servern. Ob wir davor an einem Windows-PC, einem Mac oder einem Chromebook sitzen, wird dabei immer unwichtiger.

Genau davor hatte Microsoft 1995 Angst.

Netscape verlor seinen Browser und schließlich seine Existenz als eigenständiges Unternehmen. Aber Netscape hatte mit seiner entscheidenden Prognose recht: Nicht Windows allein würde auf Dauer das Tor zur digitalen Welt sein. Es würde der Browser sein.

Microsoft gewann den Browserkrieg.

Netscape gewann die Wette auf die Zukunft.