Murphy’s law

Der Drucker hat den ganzen Vormittag gearbeitet, ohne dass jemand seine Leistung besonders gewürdigt hätte. Nun soll er ein einziges wichtiges Dokument ausgeben, und plötzlich schweigt er. Dafür meldet sich der Computer mit einer Fehlermeldung, die ungefähr so hilfreich ist wie die Auskunft, dass wegen einer Störung gerade etwas gestört sei. „Murphys Gesetz“, sagt man dann, und für einen Augenblick ist wenigstens die Schuldfrage geklärt. Aber wer war dieser Murphy, und weshalb scheint er ausgerechnet in der Computerwelt so viel zu tun zu haben?

Edward Aloysius Murphy Jr., geboren am 11. Januar 1918 in der damaligen Panamakanalzone, war ein amerikanischer Luftfahrtingenieur, der sich mit der Sicherheit und Zuverlässigkeit technischer Systeme beschäftigte. Er starb 1990. Sein Name überlebte ihn in einem Satz, den auch Menschen kennen, die mit Luftfahrttechnik nichts zu schaffen haben: „Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“ Ein stattliches Vermächtnis für einen Ingenieur. Andere hinterlassen Brücken oder Flugzeuge, Murphy bekam die Zuständigkeit für das allgemeine Misslingen.

Die bekannteste Geschichte zur Entstehung dieses Satzes führt ins Jahr 1949 auf das kalifornische Testgelände Muroc, die spätere Edwards Air Force Base. Im Forschungsprojekt MX981 untersuchte die amerikanische Luftwaffe, welche Belastungen ein Mensch beim abrupten Abbremsen aushalten kann. Dafür wurden Raketenschlitten auf Schienen beschleunigt und anschließend heftig gebremst. Der Arzt John Paul Stapp nahm selbst an solchen Versuchen teil. Murphy war mit Messtechnik für die Untersuchungen befasst. Bei einem Versuch lieferten Messfühler keine brauchbaren Werte, weil sie falsch verdrahtet waren. Der Schlitten hatte seine Arbeit erledigt. Die Messung leider nicht. Murphy soll daraufhin sinngemäß bemerkt haben: Wenn es eine Möglichkeit gibt, etwas falsch zu machen, wird jemand diese Möglichkeit finden.

Die Einzelheiten dieser Geschichte und der genaue Wortlaut sind umstritten; spätere Erinnerungen der Beteiligten stimmen nicht vollständig überein. Auch die allgemeine Vorstellung, dass mögliche Fehler irgendwann eintreten, gab es schon vorher. Man sollte sich die Geburt von Murphys Gesetz deshalb nicht als feierlichen Augenblick vorstellen, in dem ein Mann eine universelle Wahrheit entdeckte und ordentlich ins Laborbuch schrieb. Wahrscheinlicher ist eine Mischung aus technischer Panne, Ärger und einem treffenden Satz, der im Kollegenkreis hängen blieb. Der Ausdruck „Murphys Gesetz“ ist spätestens 1951 schriftlich belegt.

Ein Naturgesetz wurde damit allerdings nicht festgestellt. Wäre wirklich jeder denkbare Fehler unausweichlich, käme kein Flugzeug an und kaum jemand morgens aus dem Badezimmer. Der vernünftige Kern des Gedankens lautet vielmehr: Bei der Konstruktion eines Geräts und der Planung eines Ablaufs muss man mögliche Fehler berücksichtigen. Wenn sich ein Teil falsch anschließen lässt, genügt die Hoffnung auf sorgfältige Bedienung nicht. Besser ist eine Konstruktion, die den falschen Anschluss verhindert. Murphys Gedanke wurde damit zu einer hilfreichen Leitlinie für die Sicherheitstechnik.

Von dort führt ein ziemlich direkter Weg zum Computer auf unserem Schreibtisch. Denn der sieht zwar aus wie ein einzelnes Gerät, ist aber eher eine Versammlung von Beteiligten, die sich ständig einigen müssen: Prozessor, Speicher, Betriebssystem, Programme, angeschlossene Geräte und, sobald das Internet ins Spiel kommt, noch Router, Leitungen und fremde Server. Für den Benutzer besteht die Aufgabe aus einem Klick. Für die Technik besteht sie aus einer ganzen Kette von Vorgängen.

Nehmen wir den Drucker. Das Dokument muss korrekt verarbeitet, der Druckauftrag weitergereicht und die Verbindung zum richtigen Gerät hergestellt werden. Dort müssen Papier, Mechanik und Druckwerk mitspielen. Wir drücken auf ein kleines Symbol und erwarten ein Blatt. Dass dieses Blatt meistens tatsächlich herauskommt, ist bemerkenswert. Nur schreibt niemand abends begeistert ins Tagebuch: „Heute um 14.32 Uhr erneut erfolgreich gedruckt.“

Scheitert der Vorgang dagegen kurz vor einem wichtigen Termin, bleibt er im Gedächtnis. Und genau hier bekommt Murphy seinen Ruf als Meister des schlechten Timings. Der Computer kennt unsere Verabredung nicht. Er weiß nichts von der Abgabefrist und ahnt auch nicht, dass unten bereits das Taxi wartet. Eine Panne zehn Minuten vor der Abfahrt richtet jedoch mehr an als dieselbe Panne an einem freien Nachmittag. Der Fehler muss dafür nicht häufiger vorkommen. Es genügt, dass er uns härter trifft.

Unter Zeitdruck verändern wir außerdem unser Verhalten. Wir klicken schneller, öffnen mehrere Programme gleichzeitig, überlesen Hinweise und versuchen noch rasch eine Funktion, die wir bisher nie gebraucht haben. So kann ein wichtiger Moment tatsächlich andere Fehler zum Vorschein bringen als der gewöhnliche Betrieb. Der Rechner scheint dann zu spüren, dass es ernst wird. In Wirklichkeit verlangen wir gerade etwas anderes von ihm – und haben weniger Geduld, falls es nicht auf Anhieb gelingt.

Das vermeintlich Magische entsteht auch aus unserer Erinnerung. Die hundert problemlosen Vorgänge verschwinden im Alltag. Der eine spektakuläre Ausfall bekommt einen Ehrenplatz. Irgendwann heißt es dann: „Immer, wenn ich etwas dringend brauche, funktioniert es nicht.“ Das ist als Beschreibung des Ärgers vollkommen verständlich. Als Statistik wäre es noch einmal zu überprüfen.

Richtig groß wird das Desaster häufig erst nach der ersten Panne. Die Verbindung fällt aus, also wird eine Einstellung geändert. Weil das nichts bringt, wird eine zweite geändert und anschließend ein Zugang gelöscht. Dann empfiehlt jemand am Telefon noch ein Häkchen, dessen Zweck niemand so genau kennt. Nach einer halben Stunde könnte die ursprüngliche Störung längst behoben sein; dafür ist nun die eigene Konfiguration gründlich durcheinandergeraten. Aus einem Fehler wurde ein Gemeinschaftswerk.

In unserer PCDOKTOR-Werkstatt ist deshalb eine Frage besonders aufschlussreich: Was ist zuerst passiert, und was wurde anschließend unternommen? Zwischen diesen beiden Punkten liegt oft die Geschichte des ganzen Unglücks. Wer eine Änderung nach der anderen vornimmt und das Ergebnis prüft, behält den Überblick. Wer alles gleichzeitig verändert, weiß am Ende möglicherweise nicht einmal dann weiter, wenn es wieder funktioniert.

Noch tückischer sind Fehler, die lange unbemerkt bleiben. Ein Kabel sitzt seit Wochen locker, wird aber kaum bewegt. Eine Einstellung passt für die bisherigen Aufgaben, versagt jedoch beim ersten anderen Einsatz. Ein Programm kommt mit gewöhnlichen Dokumenten zurecht und scheitert an einer ungewöhnlichen Datei. Dass gestern noch alles ging, ist deshalb eine wichtige Beobachtung, aber kein Beweis dafür, dass gestern schon alles in Ordnung war. Manchmal wartete die Schwachstelle lediglich auf ihren Auftritt.

Die praktische Antwort auf Murphy steckt folglich in verständlicher Technik und vernünftigen Abläufen. Anschlüsse, die sich eindeutig zuordnen lassen. Meldungen, die erklären, was passiert ist und was man tun kann. Funktionen, mit denen sich ein versehentlicher Schritt rückgängig machen lässt. Und vor einem wichtigen Einsatz ein Probelauf mit genau den Geräten und Verbindungen, die später gebraucht werden. Der richtige Zeitpunkt, einen unbekannten Bildschirmanschluss kennenzulernen, liegt vor der Veranstaltung. Vor dreißig wartenden Zuschauern wird aus derselben Entdeckung schnell ein kleines Bühnenstück.

Dabei darf Technik durchaus Rücksicht auf ihre Benutzer nehmen. Menschen sind gelegentlich müde, abgelenkt oder in Eile. Sie lesen nicht jede Meldung mit der Aufmerksamkeit eines Luftfahrtingenieurs und möchten für einen Ausdruck auch keinen Lehrgang besuchen. Ein gutes System berücksichtigt diese Wirklichkeit. Es macht den richtigen Weg verständlich und sorgt dafür, dass ein kleiner Irrtum möglichst kleine Folgen hat.

So betrachtet war Murphy ein nützlicher Mann. Sein Name erinnert daran, dass die Möglichkeit eines Fehlers ernst genommen werden sollte, bevor der Fehler eintritt. Am Schreibtisch bedeutet das: Zusammenhänge verstehen, Veränderungen überlegt vornehmen und wichtige Abläufe rechtzeitig ausprobieren.

Und wenn der Drucker dann doch schweigt, darf man selbstverständlich Murphys Gesetz zitieren. Es erleichtert den ersten Ärger. Danach lohnt sich allerdings ein Blick auf das Display, das Kabel und die Einstellungen. Murphy ist ein guter Spruch. Bei der Fehlersuche muss jemand anderes ran.