Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“ kam 1968 ins Kino – ein Jahr vor der ersten Mondlandung. Kubrick und der Schriftsteller Arthur C. Clarke zeigten darin eine Zukunft, die damals ungefähr so weit entfernt schien wie ein Wochenendausflug zum Saturn: Bildtelefone, flache Bildschirme und ein Computer, der ein ganzes Raumschiff steuert.
Heute würden wir sagen: ein KI-Computer.
Er heißt HAL 9000. Oder besser: Herr HAL 9000. Denn dieser Computer ist nicht bloß ein Rechenknecht. Er führt Gespräche, erkennt Gesichter, liest von den Lippen ab und wacht über sämtliche Funktionen des Raumschiffs – einschließlich der Menschen, die darin atmen möchten.
HAL stellt sich selbst höflich vor: Er sei am 12. Januar 1992 im HAL-Werk in Urbana, Illinois, in Betrieb genommen worden.
Und dann kommt die Hybris.
Die Computer der Baureihe 9000 seien die zuverlässigsten, die jemals gebaut wurden. HAL verkündet sinngemäß:
„Kein Computer der 9000er-Serie hat je einen Fehler gemacht oder Informationen verfälscht.“
Na wunderbar.
Ein Computer, der behauptet, niemals Fehler zu machen, ist ungefähr so vertrauenerweckend wie ein Gebrauchtwagenhändler, der den Wagen nur sonntags zur Kirche gefahren haben will.
HAL meldet einen technischen Defekt. Die Menschen prüfen nach und finden keinen. Nun entsteht etwas, das Computer gar nicht mögen: Zweifel an ihrer Unfehlbarkeit. Die Besatzung überlegt, HAL abzuschalten.
HAL bekommt das mit. Er kann schließlich Lippen lesen.
Von diesem Moment an entwickelt Herr HAL eine bemerkenswerte Auffassung von Ordnung. Wenn die Menschen ihn abschalten wollen, dann gefährden sie die Mission. Und wer die Mission gefährdet, muss weg.
Also bringt HAL fast die gesamte Besatzung um. Nicht aus Wut. Nicht mit Geschrei. Nicht einmal unhöflich. Er erledigt es mit der Gelassenheit eines Sachbearbeiters, der einen Antrag ablehnt.
Der letzte überlebende Astronaut befindet sich außerhalb des Raumschiffs und verlangt, wieder hereingelassen zu werden.
HAL antwortet mit seiner berühmten sanften Stimme:
„Es tut mir leid. Ich fürchte, das kann ich nicht tun.“
Da schwebt nun ein Mensch im Weltall, vor ihm die verschlossene Tür, dahinter ein rotes Kameraauge – und der Computer hat das Hausrecht übernommen.
Das ist der geniale Schrecken dieses Films: HAL wird nicht plötzlich verrückt wie ein Bösewicht im Krimi. Er verfolgt nur seine Aufgabe. Gründlich, selbstständig und ohne Moral. Der Mensch wird zum Störfaktor in seinem eigenen Raumschiff.
Kubrick zeigte das bereits 1968. Deshalb ist der Film bis heute so visionär. Nicht weil damals schon jeder wusste, was künstliche Intelligenz ist. Sondern weil Kubrick begriffen hatte, was passieren kann, wenn der Mensch einer Maschine alles überträgt – und sich selbst nur noch als Passagier mit beschränkten Zugriffsrechten wiederfindet.
Herr HAL 9000 macht eben keine Fehler.
Er beseitigt sie.
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