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    Frankfurt – die Stadt des Merkur | PCDOKTOR.de

    Frankfurt war schon immer eine Merkur-Stadt.

    Merkur war in der Antike der Gott der Händler, Reisenden, Wege und Nachrichten. Er war ständig unterwegs, vermittelte Geschäfte und brachte Botschaften von einem Ort zum anderen. Einen geeigneteren Schutzpatron hätte Frankfurt sich kaum aussuchen können.

    Denn hier kreuzten sich seit Jahrhunderten die großen Wege. Menschen kamen über Landstraßen und Brücken, später mit der Eisenbahn, über Autobahnen und schließlich mit dem Flugzeug. Waren, Geld, Nachrichten und Ideen liefen in Frankfurt zusammen, wurden gehandelt, sortiert und anschließend wieder in alle Himmelsrichtungen verteilt.

    Frankfurt war nie bloß ein Ort.

    Frankfurt war immer eine Verbindung.

    Früher musste die Welt nach Frankfurt gekarrt werden

    Wer früher in Frankfurt Geschäfte machen wollte, musste sich auf den Weg machen.

    Bauern trieben Rinder, Schweine und Schafe über staubige Straßen in die Stadt. Händler beluden Kutschen und Ochsenkarren mit Tüchern, Wein, Büchern, Gewürzen, Werkzeugen und allem, womit sich Geld verdienen ließ.

    Die Ware hatte Gewicht.

    Sie war sperrig, schmutzig und langsam. Sie musste verladen, gezogen, getragen und bewacht werden. Räder brachen, Tiere wurden müde, Straßen versanken im Schlamm. Wer einen schweren Wagen von Nürnberg, Köln oder Leipzig nach Frankfurt brachte, hatte bereits eine beachtliche logistische Leistung vollbracht, bevor überhaupt das erste Geschäft abgeschlossen war.

    Frankfurt war Messeplatz, weil Menschen bereit waren, diese Strapazen auf sich zu nehmen. Hier kamen Händler aus verschiedenen Ländern zusammen. Hier wurde gekauft, verkauft, getauscht, gerechnet und vermutlich schon damals behauptet, der verlangte Preis sei vollkommen unmöglich.

    Merkur hätte seine Freude daran gehabt.

    Erst kamen die Waren, dann das Geld

    Wo Händler aus vielen Ländern zusammentreffen, entsteht schnell ein weiteres Problem: Jeder bringt sein eigenes Geld mit.

    Münzen hatten unterschiedliche Gewichte, Prägungen und Werte. Was der eine für gutes Geld hielt, betrachtete der andere möglicherweise als hübsch geformtes Altmetall.

    So entwickelte sich Frankfurt nicht nur zum Handelsplatz, sondern auch zum Finanzplatz. Aus dem Warenhandel entstand der Geldhandel, aus Wechselkursen und Preisabsprachen schließlich die Frankfurter Börse.

    Früher musste der Bauer seine Kuh noch persönlich nach Frankfurt treiben.

    Heute steht die Kuh vielleicht in Niedersachsen, Argentinien oder Neuseeland. Nach Frankfurt kommen nur noch ihr Preis, der Kaufauftrag, der Liefertermin, die Versicherung und die Zahlung.

    Der Ochse muss nicht mehr an die Börse.

    Sein Wert ist längst da.

    Alle Wege führen nach Frankfurt

    An der alten Rolle der Stadt hat sich bis heute erstaunlich wenig geändert. Nur die Verkehrsmittel wurden größer und schneller.

    In Frankfurt kreuzen sich die großen Bahnlinien. Der Hauptbahnhof verbindet die Stadt mit nahezu allen wichtigen Regionen Deutschlands und Europas.

    Am Frankfurter Kreuz treffen Autobahnen aufeinander, über die täglich gewaltige Waren- und Verkehrsströme rollen.

    Dazu kommt der Flughafen, einer der bedeutendsten internationalen Verkehrsknoten Europas. Von hier aus gelangen Menschen und Fracht innerhalb weniger Stunden in fast alle Teile der Welt.

    Bahn, Autobahn und Luftverkehr laufen in Frankfurt zusammen. Dazu kommen Messe, Banken und Börse.

    Die Stadt ist Verkehrsknoten, Handelsplatz und Umschlagplatz zugleich.

    Die Kutschen sind verschwunden.

    Das Gedränge ist geblieben.

    Als Nachrichten noch von Menschen verbunden wurden

    Auch Nachrichten liefen schon lange vor dem Internet in Frankfurt zusammen.

    Unweit der Hauptwache stand nach dem Zweiten Weltkrieg das Fernmeldehochhaus. Es war der analoge Vorläufer des heutigen digitalen Frankfurts.

    Hier trafen unterirdische Kabelnetze aus der ganzen Bundesrepublik zusammen. Zu Spitzenzeiten arbeiteten dort bis zu 5.000 Menschen.

    Von der Stille heutiger Rechenzentren konnte keine Rede sein. Im Fernmeldehochhaus klingelte, klapperte und summte es. Gut ausgebildete, oft mehrsprachige Frauen vermittelten im Fernsprechdienst Gespräche in alle Welt.

    Wer mit London, Paris oder New York sprechen wollte, konnte nicht einfach eine Nummer wählen und losreden. Das Gespräch musste angemeldet, verbunden und von Menschenhand auf die richtige Leitung gelegt werden.

    Das Gebäude bündelte Telefon, Post, Telegrafie und Fernsehtechnik. Es war ein riesiges Nervenzentrum aus Kupferkabeln, Schaltern, Stimmen und menschlicher Arbeit.

    Architektonisch blieb der Turm dabei bescheiden. Oberbürgermeister Walter Kolb hatte durchgesetzt, dass kein weltliches Gebäude den 95 Meter hohen Kaiserdom überragen sollte.

    Für das Fernmeldehochhaus war deshalb bei 69 Metern Schluss.

    Frankfurter Bescheidenheit.

    Zumindest in der Höhe.

    Von der schweren Materie zum feinen Lichtstrom

    Das Fernmeldehochhaus ist verschwunden. Die Aufgabe des Standorts aber ist geblieben.

    Noch immer kreuzt sich in Frankfurt die Welt. Nur muss sie heute nicht mehr vollständig hierhergebracht werden.

    Früher wurden schwere Waren mit großen Anstrengungen nach Frankfurt gekarrt. Fässer, Ballen, Kisten, Tiere und Maschinen bewegten sich langsam über Straßen und Schienen.

    Heute durchkreuzen Frankfurt überwiegend digitale Feinstströme.

    Sie haben nahezu kein Gewicht. Sie brauchen keine Pferde, keine Lagerhalle und keinen Lastenträger. Sie reisen als Lichtimpulse durch hauchdünne Glasfasern und legen in Sekundenbruchteilen Entfernungen zurück, für die ein Händler früher Wochen benötigte.

    Eine Bestellung, ein Aktienkurs, eine Videokonferenz, eine ärztliche Aufnahme oder eine Überweisung: All das bewegt sich nicht mehr als schwere Materie durch die Stadt, sondern als feinste digitale Information.

    Der Warenballen ist zum Datenpaket geworden.

    Die Postkutsche zum Lichtsignal.

    Und der alte Merkur trägt inzwischen Glasfaser.

    Der Hauptbahnhof des Internets

    Unter den Straßen Frankfurts verlaufen gewaltige Glasfasernetze. Durch sie schießen Nachrichten, Filme, Bankgeschäfte, Kaufaufträge, Bilder, Musik und Wissen.

    Alles gleichzeitig.

    Und erstaunlich viel davon nimmt seinen Weg über Frankfurt.

    Der DE-CIX gehört zu den bedeutendsten Internetknotenpunkten der Welt. Hier treffen die Datennetze zahlreicher Anbieter aufeinander und tauschen ihre Informationen aus.

    Man könnte sagen: Frankfurt ist der Hauptbahnhof des Internets.

    Nur ohne die Durchsage, dass sich die Weiterleitung wegen einer Störung im Betriebsablauf um unbestimmte Zeit verzögert.

    Das Internet kommt dabei nicht an einem einzigen großen Schalter zusammen. Der DE-CIX verteilt sich über zahlreiche Rechenzentren in Frankfurt und Umgebung. Sie sind über Glasfaserkabel miteinander verbunden und bilden gemeinsam einen riesigen digitalen Umschlagplatz.

    Früher standen Händler auf dem Messeplatz und reichten einander Warenproben.

    Heute reichen sich Computer Datenpakete.

    Die neuen Lagerhäuser haben keine Fenster

    Wo viele Datenströme zusammenkommen, entstehen Rechenzentren.

    Deshalb sind vor allem im Frankfurter Osten, entlang der Hanauer Landstraße, am Osthafen und rund um den Ratswegkreisel große, meist fensterlose Gebäude entstanden.

    Von außen sehen sie häufig aus wie besonders abweisende Lagerhallen. Im Inneren stehen jedoch keine Kisten, Fässer oder Stoffballen, sondern endlose Reihen von Computern.

    Auch Google ist direkt am Ratswegkreisel mit umfangreicher Rechentechnik vertreten – allerdings ohne bunten Schriftzug und ohne öffentlich darauf hinzuweisen, wer hinter den Mauern arbeitet.

    Das passt zu dieser neuen Welt.

    Früher mussten Händler ihre Waren möglichst sichtbar auf dem Markt ausbreiten.

    Heute befinden sich die wertvollsten Waren hinter Zäunen, Kameras und fensterlosen Fassaden.

    Man sieht sie nicht, man hört sie kaum und anfassen kann man sie ebenfalls nicht.

    Sie bestehen aus Daten.

    Früher standen an den großen Verkehrswegen Lagerhäuser voller Materie.

    Heute stehen dort Lagerhäuser voller Rechenleistung.

    Frankfurt bleibt Frankfurt

    Während oben die Straßen langsam ruhiger werden, arbeitet der digitale Untergrund weiter.

    Ohne Wochenende, ohne Mittagspause und ohne Betriebsferien.

    Milliarden Datenpakete strömen durch die Leitungen. Von Frankfurt nach New York, Tokio, Lagos oder zurück. Börsengeschäfte werden abgeschlossen, Waren bestellt, Zahlungen ausgelöst, Filme übertragen und Nachrichten verschickt.

    Alles in Sekundenbruchteilen.

    Frankfurt bleibt damit, was es immer war: eine Stadt des Merkur. Eine Stadt der Händler, Reisenden, Wege und Nachrichten.

    Nur die Form hat sich verändert.

    Früher musste die Welt mühsam nach Frankfurt geschleppt werden. Bauern brachten ihre Tiere, Händler ihre Waren und Kaufleute ihre schweren Münztruhen.

    Heute durchquert die Welt Frankfurt als feiner, unsichtbarer Lichtstrom.

    Fast ohne Gewicht.

    Aber von unschätzbarem Wert.

    Und während wir oben noch darüber schimpfen, dass das WLAN im Schlafzimmer schwach ist, rauscht unter unseren Füßen längst der Welthandel vorbei.