Frankfurter Originale
Er war Elektroingenieur, Rockmusiker, Verstärkerbauer, Klangtüftler und ein Mann von ausgesprochen deutlichen Ansichten. Thomas Reußenzehn entwickelte in Frankfurt und Offenbach Röhrenverstärker, die weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus bekannt wurden. Seine Kundschaft reichte von den Rodgau Monotones bis zu internationalen Rockmusikern. Ein Frankfurter Original, bei dem nicht das Marketing den Ton angab, sondern der Lötkolben.
Thomas Reußenzehn wurde am 1. April 1955 in Frankfurt-Sachsenhausen geboren. Bereits als Jugendlicher interessierte er sich weniger dafür, wie ein Radio laut Bedienungsanleitung funktionierte, sondern eher dafür, was man daraus noch machen konnte. Er zerlegte Röhrenradios, baute Verstärker, erhöhte deren Leistung und ergänzte Tremolo- oder Verzerrerschaltungen. Wo andere Jugendliche Schallplatten hörten, untersuchte Reußenzehn offenbar lieber, warum sie aus dem einen Lautsprecher besser klangen als aus dem anderen.
Nach einer elektrotechnischen Ausbildung studierte er Nachrichtentechnik und schloss als Diplomingenieur ab. Doch Reußenzehn war kein Entwickler, den es dauerhaft an den Schreibtisch zog. Er spielte selbst Gitarre, kannte die Wünsche von Musikern und wusste, dass die Wirklichkeit auf einer Bühne oft anders aussieht als das sauber gezeichnete Schaltbild eines Ingenieurs.
Ein Musikladen in einem ehemaligen Sarggeschäft
Am 21. Oktober 1978 eröffnete Reußenzehn in der Mathildenstraße 25 am Offenbacher Mathildenplatz einen Musikladen mit angeschlossener Werkstatt. Das Geschäft befand sich ausgerechnet in einem ehemaligen Sarggeschäft – eine passende Adresse für einen Mann, der der damals bereits totgesagten Röhrentechnik zu einem bemerkenswert langen Weiterleben verhalf.
Bei der Eröffnung spielte Reußenzehn selbst Gitarre. Bald traf sich in seinem Laden ein beträchtlicher Teil der regionalen Rockszene. Verstärker wurden nicht einfach verkauft, sondern repariert, umgebaut und nach den Vorstellungen der Musiker verändert. Besonders eng war die Verbindung zu den Rodgau Monotones. Für deren Gitarristen und Bassisten modifizierte Reußenzehn unter anderem Marshall- und Fender-Verstärker.
Damit begann die Geschichte der sogenannten Reu-o-Grande-Verstärker. Reußenzehn veränderte vorhandene Amps so, dass sich Lautstärke, Verzerrung und Klang besser kontrollieren ließen. In einer Zeit, in der Gitarristen für den gewünschten verzerrten Klang häufig einen Verstärker bis an seine Belastungsgrenze aufdrehen mussten, war das eine ausgesprochen praktische Verbesserung.
Der Bassverstärker kommt ins Regal
1979 entwickelte Reußenzehn für Joachim „Joky“ Becker von den Rodgau Monotones einen Röhren-Bassvorverstärker im 19-Zoll-Format. Das Gehäuse ließ sich gemeinsam mit anderen Geräten in ein genormtes Bühnen-Rack einbauen. Nach der firmeneigenen Chronik handelte es sich um den ersten serienmäßig angebotenen Röhren-Bassvorverstärker dieser Bauart.
Das Gerät wurde auf der Frankfurter Musikmesse präsentiert. Zu den frühen Käufern gehörte der britische Bassist Jack Bruce, bekannt durch die Band Cream. Später tauchten Reußenzehn-Geräte bei Musikern oder im Umfeld von BAP, den Toten Hosen, den Scorpions und ZZ Top auf. Bei solchen Aufzählungen ist zwar immer etwas Vorsicht angebracht – nicht jedes benutzte oder modifizierte Gerät wird automatisch zum prägenden Bestandteil eines berühmten Bandsounds. Unstrittig ist jedoch, dass Reußenzehn in der deutschen Musiker- und Verstärkerszene einen außergewöhnlich guten Namen besaß.
1982 gab er den klassischen Musikladen auf und konzentrierte sich auf die Entwicklung und Fertigung eigener Geräte. Dazu gehörten Gitarren- und Bassverstärker, Vorstufen, Booster, Hallgeräte, Lautsprecherboxen und später eine umfangreiche Hi-Fi-Linie.
Als alle Transistoren wollten, blieb er bei der Röhre
In den siebziger und frühen achtziger Jahren galt der Transistor als modern, pflegeleicht und vernünftig. Röhren waren heiß, empfindlich, energiehungrig und vermeintlich überholt. Für Thomas Reußenzehn war das kein Grund, sie aufzugeben.
Er schätzte ihre besonderen klanglichen Eigenschaften und setzte auf möglichst kurze Signalwege, aufwendig gewickelte Ausgangsübertrager und weitgehend freie Verdrahtung. Seine Geräte waren keine anonymen schwarzen Kästen. Man sah die Röhren, die Transformatoren, die Schalter und oft auch einen beträchtlichen Teil der technischen Konstruktion. Ein Reußenzehn-Verstärker wollte nicht so tun, als sei Elektronik etwas Sauberes, Unsichtbares und völlig Geräuschloses. Er zeigte, dass Musik erst einmal durch eine Menge Metall, Draht und glühende Glaskolben hindurchmuss.
Ab 1983 entwickelte Reußenzehn verstärkt Geräte für Hi-Fi-Anlagen. Sein bekanntestes Modell wurde die Stereo-Endstufe Tube Slave S. Sie leistete je nach Röhrenbestückung ungefähr zweimal 36 oder zweimal 45 Watt und sollte selbst mit anspruchsvollen Lautsprechern zurechtkommen. Zum 30. Produktionsjubiläum erschien 2013 eine limitierte Sonderausführung. Die Konstruktion blieb über Jahrzehnte im Grundsatz erhalten – für Unterhaltungselektronik ein ungewöhnlich langes Produktleben.
Nicht nur Verstärker
Reußenzehn baute keineswegs ausschließlich Röhrenverstärker. Zu seinem Programm gehörten auch Hi-Fi-Lautsprecher wie die Classic, die Acoustic Line und verschiedene Modelle der Reihe Theatre Voice. Hinzu kamen Bass- und Gitarrenboxen, teilweise mit handgefertigten Echtholzgehäusen.
Seine Lautsprecher waren häufig auf den Betrieb mit Röhrenverstärkern abgestimmt und besaßen einen vergleichsweise hohen Wirkungsgrad. Das ist wichtig, weil ein guter Röhrenverstärker nicht zwingend mehrere Hundert Watt benötigt. Ein wirkungsgradstarker Lautsprecher kann bereits aus wenigen sauberen Watt eine erstaunliche Lautstärke und Dynamik entwickeln. Die große Theatre Voice Grande kombinierte beispielsweise zwei Zehn-Zoll-Tieftöner mit einem Horn und einem zusätzlichen Ringstrahler.
Auch ungewöhnliche Spezialgeräte entstanden in seiner Werkstatt. Dazu zählte der Röhren-Kopfhörerverstärker Harmonie, der unter anderem zur musikalischen Ablenkung von Patienten während längerer Zahnbehandlungen eingesetzt wurde. Reußenzehn beschäftigte sich außerdem mit Klanglösungen für Menschen mit Hörproblemen und Tinnitus. Das war eine eigenwillige Verbindung aus Hi-Fi-Technik, Musik und medizinischer Anwendung – typisch für einen Entwickler, der nicht nur bestehende Gerätekategorien abarbeitete.
Röhrenklang aus Sonnenenergie
2011 präsentierte Reußenzehn einen besonders sparsamen Gitarren-Röhrenverstärker, der über Akkus und ein Solarmodul betrieben werden konnte. Das System steckte samt Energieversorgung in einem transportablen Koffer. Während ein Akku den Verstärker versorgte, konnte der zweite geladen werden.
Röhrenverstärker und Solarenergie wirken zunächst wie zwei technische Welten, die einander lieber aus dem Weg gehen sollten. Reußenzehn brachte sie dennoch zusammen. Das Projekt zeigte, dass seine Vorliebe für historische Verstärkertechnik keineswegs mit einer grundsätzlichen Ablehnung moderner oder umweltfreundlicher Lösungen verbunden war.
Rückkehr nach Frankfurt-Oberrad
Nach einigen Jahren in der Rhön kehrte Reußenzehn 2009 in das Rhein-Main-Gebiet zurück. Seine Werkstatt befand sich fortan in der Rebenstraße in Frankfurt-Oberrad; der nominelle Firmensitz blieb Offenbach-Bieber.
Wer ihn dort besuchte, traf nicht auf ein blank poliertes High-End-Studio mit Glasvitrinen und beruhigender Hintergrundmusik. In seiner kleinen Manufaktur standen Gitarren, Verstärker und Hammond-Orgeln. Es wurde entwickelt, gelötet, ausprobiert und diskutiert. Reußenzehn galt als ausgesprochen direkt und konnte wenig mit modischen Klangbehauptungen anfangen. Wer eine andere Meinung vertrat, musste damit rechnen, dass daraus ein längeres Gespräch wurde. Möglicherweise auch ein sehr langes.
Zum 40-jährigen Bestehen seines Betriebs lud er 2018 in die Oberräder Werkstatt ein. Zeitungsberichte beschrieben ihn als jung gebliebenen Rockmusiker und eigenwilligen Handwerker, der seine Geräte weiterhin selbst entwickelte und zu großen Teilen selbst fertigte.
Neben seiner Arbeit unterstützte Reußenzehn soziale Projekte. Er organisierte unter anderem Instrumentenbauaktionen und Versteigerungen zugunsten schwer erkrankter Kinder und Jugendlicher im Frankfurter Raum. Auch dabei blieb er bei dem, was er konnte: nicht feierlich daherreden, sondern etwas bauen.
Eine Röhre glüht länger als ein Trend
Thomas Reußenzehn starb am 3. Februar 2022 nach längerer Krankheit im Alter von 66 Jahren. Seine Familie stellte den Betrieb ein; die offizielle Internetseite ist weiterhin als Archiv mit zahlreichen Geräten, Fotos und technischen Beschreibungen erreichbar.
Reußenzehn gehörte zu jener Sorte Frankfurter Originale, die gelegentlich anstrengend, selten beliebig und praktisch niemals stromlinienförmig sind. Er folgte nicht jedem technischen Trend. Er glaubte an gute Schaltungen, solide Bauteile, Reparierbarkeit und an die Erfahrung des eigenen Ohres.
Heute werden Verstärker mit Apps gesteuert, Lautsprecher melden sich in der Cloud an und manche Geräte benötigen ein Software-Update, bevor sie überhaupt Musik spielen. Ein Reußenzehn-Verstärker brauchte im Wesentlichen Strom, ein Signal und etwas Zeit zum Aufwärmen.
Dann glühte er.
Links und weiterführende Quellen
Biografie und Firmengeschichte
- Offizielle Internetseite der Reußenzehn-Manufaktur
- Thomas Reußenzehn: „Der Letzte der Unabhängigen“
- Offizielle Reußenzehn-Chronik „Tube History“
- Porträt zum 40-jährigen Firmenbestehen – Offenbach-Post
- „Ton-Technik für die Großen“ – Frankfurter Rundschau
- Werkstattporträt aus Frankfurt-Oberrad – Frankfurter Neue Presse
Geräte und technische Entwicklungen
- Der Röhrenverstärker Tube Slave S
- Reußenzehn-Hi-Fi-Lautsprecher
- Theatre Voice Grande
- Gitarren- und Musikerverstärker
- Röhrenklang mit Solarkraft – Offenbach-Post
- Historischer Bericht über den 19-Zoll-Röhren-Bassvorverstärker
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