Künstliche Intelligenz liefert uns Antworten in Sekunden. Aber was geschieht, wenn sie das Denken gleich mit übernimmt?

Arthur Schopenhauer starb 1860. Zu früh für Computer, Internet und künstliche Intelligenz. Trotzdem hatte er bereits eine ziemlich genaue Vorstellung von einem Problem, das uns heute mit KI begegnet.

In seinem Aufsatz „Über Lesen und Bücher“ schrieb er: „Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns.“ Der Leser wiederhole lediglich den Gedankengang des Autors. Die eigentliche Arbeit des Denkens werde ihm dabei zum großen Teil abgenommen.

Schopenhauer wollte damit keineswegs Bücher abschaffen. Er besaß selbst genug davon. Ihm ging es um den Unterschied zwischen aufgenommenem Wissen und selbst erarbeitetem Denken. Man kann einen klugen Gedanken lesen, ihn verstehen und anschließend wiedergeben. Aber deshalb ist man noch lange nicht selbst auf ihn gekommen.

Bei künstlicher Intelligenz wird dieser Unterschied noch größer.

Ein Buch verlangt immerhin, dass man es aufschlägt, liest und sich Seite für Seite durch einen Gedankengang bewegt. KI erledigt auch das noch. Es fasst zusammen, erklärt, gliedert und formuliert. Auf Wunsch schreibt es gleich die passende Meinung dazu.

Früher lieh man sich beim Lesen den Kopf des Autors. Heute bestellt man sich einen kompletten Gedankengang innerhalb von fünf Sekunden.

Antwort da, Denken fertig

Künstliche Intelligenz kann schwierige Dinge erstaunlich verständlich erklären. Sie schreibt flüssig, klingt freundlich und tritt meistens sehr überzeugend auf. Das ist praktisch. Es erzeugt aber auch ein gefährliches Gefühl: Man glaubt, etwas verstanden zu haben, nur weil man eine gut formulierte Erklärung gelesen hat.

Doch Verstehen entsteht nicht automatisch auf dem Bildschirm.

Es entsteht, wenn man selbst eine Frage stellt, eine Vermutung entwickelt, sich irrt, noch einmal nachliest und schließlich einen Zusammenhang erkennt. Dieser Weg ist manchmal mühsam. Genau deshalb bleibt am Ende etwas hängen.

Wer nur die fertige Antwort übernimmt, erhält das Ergebnis ohne den Erkenntnisweg. Man kommt schneller ans Ziel, hat unterwegs aber wenig gesehen.

Es ist wie bei einem Navigationsgerät. Es bringt uns zuverlässig bis vor die Haustür. Fragt uns anschließend jemand, welchen Weg wir gefahren sind, wird es schon schwieriger.

Die Abkürzung an der Bildung vorbei

Für dieses Problem gibt es inzwischen einen passenden Ausdruck: „Skill-Skipping“. Wichtige Fertigkeiten werden nicht mehr richtig erlernt, weil ein technisches Hilfsmittel sie bereits erledigt.

Der Schüler lässt sich den Aufsatz schreiben. Der Student bekommt die Zusammenfassung eines Buches, das er nicht gelesen hat. Im Berufsleben entstehen Protokolle, Stellungnahmen und Konzepte, deren Verfasser zwar oben auf der Seite steht, aber nicht unbedingt im Text vorkommt.

Das Ergebnis kann tadellos aussehen. Nur die Fähigkeit, selbst zu einem solchen Ergebnis zu gelangen, entwickelt sich nicht.

Lernen besteht gerade darin, Schwierigkeiten zu überwinden. Wer jedes Hindernis beseitigt, kommt möglicherweise schneller voran. Er trainiert dabei aber hauptsächlich das Umgehen von Hindernissen.

Niemand würde erwarten, dass Muskeln kräftiger werden, wenn eine Maschine jede Bewegung übernimmt. Beim Gehirn hoffen wir offenbar auf ein anderes Verfahren.

Die höfliche Selbstsicherheit der Maschine

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Künstliche Intelligenz klingt auch dann überzeugend, wenn sie sich irrt.

Sie kann falsche Zusammenhänge herstellen, Quellen erfinden oder eine Vermutung als Tatsache präsentieren. Dabei räuspert sie sich nicht verlegen. Sie schreibt einfach weiter.

Der Mensch muss deshalb beurteilen können, ob eine Antwort plausibel ist. Dazu braucht er Vorwissen, Erfahrung und Urteilskraft. Genau jene Fähigkeiten also, die verkümmern können, wenn man das Denken regelmäßig an die Maschine abgibt.

So entsteht eine neue Form des Unwissens. Man weiß etwas nicht – bekommt aber das angenehme Gefühl geliefert, man habe es verstanden.

Schopenhauer hätte darin vermutlich die moderne Ausgabe seines alten Problems erkannt: Ein fremder Gedankengang betritt unseren Kopf und wird dort irrtümlich für einen eigenen gehalten.

Orientierung gibt es nicht auf Knopfdruck

Das eigentliche Risiko der künstlichen Intelligenz ist deshalb nicht, dass Menschen plötzlich ihre Intelligenz verlieren. Das geschieht nicht über Nacht.

Problematischer ist der schleichende Verlust der eigenen Orientierung.

Orientierung bedeutet, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Widersprüche zu erkennen. Unsicherheit auszuhalten. Ein Urteil nicht sofort, sondern Schritt für Schritt zu bilden. Dazu gehören Suchen, Zögern, Prüfen, Verwerfen und neu Ansetzen.

Eine KI liefert dagegen sofort eine geordnete Welt: fünf Gründe, drei Gegenargumente und am Ende eine hübsche Zusammenfassung. Das sieht nach Klarheit aus. Es kann aber auch nur gelieferter Sinn sein.

Die Antwort ist fertig, bevor der eigene Gedanke überhaupt Gelegenheit hatte, sich zu melden.

Erst der eigene Kopf, dann KI

Trotzdem wäre es Unsinn, künstliche Intelligenz zu verteufeln. Sie ist ein bemerkenswertes Werkzeug. Auch wir bei PCDOKTOR.de nutzen sie. Aber ein Werkzeug sollte die Arbeit unterstützen und nicht unbemerkt den Arbeiter ersetzen.

Wer etwas lernen möchte, sollte deshalb zunächst selbst überlegen. Danach kann man die KI befragen und beide Ergebnisse vergleichen.

Statt „Schreiben Sie mir einen Aufsatz“ könnte man sagen: „Stellen Sie mir Fragen, damit ich meine Gedanken ordnen kann.“

Statt „Lösen Sie diese Aufgabe“ wäre besser: „Geben Sie mir einen Hinweis, aber noch nicht die Lösung.“

Und statt eine Antwort einfach zu übernehmen, sollte man nachhaken: „Welche Gegenargumente gibt es? Wo könnten Sie sich irren? Welche Angaben sollte ich überprüfen?“

Dann wird aus der künstlichen Intelligenz kein Ersatzgehirn, sondern ein brauchbarer Gesprächspartner.

Schopenhauer hätte KI wahrscheinlich ausprobiert. Er war neugierig, streitlustig und für gute Gedanken durchaus zu haben. Vermutlich hätte er der Maschine widersprochen, ihre Antworten überprüft und anschließend einen gehässigen Aufsatz darüber geschrieben.

Vor allem aber hätte er weiter selbst gedacht.

Denn es wäre schon eine merkwürdige Zukunft: Der Mensch verfügt über das gesamte Wissen der Welt – und braucht für den eigenen Gedanken eine Internetverbindung.