Wir haben uns gedacht, wir schreiben, wie in Amerika üblich, eine Weihnachtsgeschichte im Stile von Paul Auster. Dies kam dabei raus:
Kurz vor Weihnachten, kurz vor Ladenschluss, brachte ein Mann einen Laptop zum PCDOKTOR. Er hatte keinen Termin, keinen Kaufbeleg und, wie sich später herausstellte, auch keinen Namen, unter dem der Rechner hätte angenommen werden können.
„Er gehört meiner Frau“, sagte er. „Sie ist kürzlich gestorben.“
Der PCDOKTOR nahm den Laptop entgegen. Es war ein älteres Gerät, dessen Deckel an einer Ecke einen Sprung hatte. Das Metall fühlte sich kalt an. Der Mann wollte wissen, ob sich die Fotos noch öffnen ließen. Am Morgen hatte der Bildschirm nur ein graues Feld gezeigt.
„Ich kann nachsehen“, sagte der PCDOKTOR.
Der Mann nickte. Er setzte sich auf den Stuhl neben dem Fenster und behielt seinen Mantel an. An den Säumen glänzten noch feine Tropfen.
Der PCDOKTOR arbeitete in einer kleinen Werkstatt im Frankfurter Nordend. Durch die Scheibe sah man die Straße, die parkenden Autos und einen Baum, an dem noch ein paar nasse Blätter hingen. Der Himmel war früh dunkel geworden. Auf dem Tresen stand ein Teller mit Weihnachtsgebäck. Seit zwei Tagen hatte niemand davon genommen.
Die Festplatte war in Ordnung. Nur das Benutzerprofil ließ sich nicht laden. Der PCDOKTOR schloss ein anderes Laufwerk an, kopierte die Dateien und öffnete den Ordner „Bilder“. Darin lagen Jahre, ordentlich nach Monaten sortiert. Reisen. Geburtstage. Ein Hund, der auf fast jedem Foto vorkam und langsam alt wurde.
„Die Fotos sind da“, sagte er.
Der Mann stand auf, kam aber nicht näher. „Gut.“
Es war ein merkwürdiges „Gut“. Der PCDOKTOR kannte es von Menschen, die ihren verlorenen Rechner zurückbekamen und sich über die Erleichterung erschraken. Hinter der Scheibe fuhr ein Streuwagen vorbei; das Salz knirschte unter den Reifen. Er ließ den Mann in Ruhe und sah nach, ob auch die Dokumente lesbar waren.
Auf dem Desktop lag eine Datei mit dem Namen Weihnachten. Sie war am Vortag geändert worden. Der PCDOKTOR zeigte auf den Bildschirm.
„Soll ich die ebenfalls sichern?“
Der Mann trat nun doch an den Tresen. „Ja. Bitte.“
Die Datei ließ sich öffnen. Oben stand: Für den Fall, dass ich dieses Jahr keine Karten mehr schreibe. Darunter folgte eine Liste von Namen und Adressen. Der Mann sah nur den ersten Satz, dann wandte er den Blick ab.
„Sie hatte schon lange keine Karten mehr geschrieben“, sagte er.
Der PCDOKTOR kopierte die Datei, ohne weiterzulesen. Er speicherte alles auf einem neuen USB-Stick und prüfte, ob die Kopie funktionierte. Währenddessen nahm der Mann ein Plätzchen vom Teller, hielt es eine Weile in der Hand und legte es wieder zurück. Der süße Geruch blieb kurz zwischen ihnen stehen.
Als der PCDOKTOR den Stick übergab, fragte der Mann nach der Rechnung. Der PCDOKTOR schrieb sie aus. Der Mann bezahlte, steckte den Stick in die Innentasche seines Mantels und ging. Den Laptop ließ er auf dem Tresen stehen.
Der PCDOKTOR bemerkte es erst, als draußen die Tür eines Autos zuschlug. Er nahm das Gerät und lief auf die Straße. Die Kälte biss ihm in die Finger. Das Auto war bereits fort.
Er blieb einen Augenblick vor dem Laden stehen. Aus einem Fenster gegenüber fiel gelbes Licht auf den feuchten Gehweg. In der Wohnung bewegte sich jemand und verschwand wieder. Der PCDOKTOR ging zurück, legte den Laptop hinter den Tresen und sah auf den Annahmezettel. Er hatte den Mann nach einer Telefonnummer gefragt, aber die Zeile war leer geblieben.
Am nächsten Morgen war die Werkstatt geschlossen. Als der PCDOKTOR kam, um nach der Heizung zu sehen, schneite es leicht. Auf den parkenden Autos lag bereits eine dünne weiße Schicht; auf dem Gehweg schmolzen die Flocken, kaum dass sie ihn berührten. Die Scheiben der Werkstatt waren von innen beschlagen, und im Laden roch es nach kaltem Staub. Vor der Tür stand der Mann vom Vortag. Diesmal trug er keinen Mantel, sondern eine Jacke, die für das Wetter zu dünn war.
„Ich habe den Computer vergessen“, sagte er.
„Ja.“
Der PCDOKTOR schloss auf. Der Mann wartete an der Tür, bis er den Laptop geholt hatte.
„Den Stick konnte ich öffnen“, sagte er. „Die Datei auch.“
Mehr sagte er nicht. Er nahm das Gerät, bedankte sich und ging ein paar Schritte die Straße hinunter. Sein Atem stand weiß vor ihm. Dann kehrte er um.
„Sie hat Karten vorbereitet“, sagte er. „Für Leute, von denen ich zum Teil noch nie gehört habe.“
Der PCDOKTOR wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
„Ich werde sie abschicken“, sagte der Mann.
Er ging nun wirklich. Der PCDOKTOR sah ihm nach, bis er um die Ecke bog. Dann schloss er die Werkstatt ab. Auf dem Tresen lag noch immer das Plätzchen, das der Mann angefasst und zurückgelegt hatte. Der PCDOKTOR nahm es und aß es auf dem Weg nach Hause. Auf den Autos wurde die weiße Schicht langsam dicker.
