Oder: Wenn Donald Trump hustet, sucht Europa sein Passwort

Es gibt Abhängigkeiten, die bemerkt man erst, wenn jemand an der falschen Stelle den Stecker zieht. Vorher heißen sie Komfort, Fortschritt, Cloud, Ökosystem oder „mit einem Klick anmelden“. Nachher heißen sie: Problem.

Europa hat sich in den vergangenen Jahrzehnten digital recht gemütlich eingerichtet. Man schreibt mit Microsoft, speichert bei Amazon oder Google, bezahlt mit PayPal, telefoniert über amerikanische Plattformen, legt seine Familienfotos in die iCloud und seine Firmendaten in Rechenzentren, deren Verträge ungefähr so übersichtlich sind wie ein schlecht gelaunter Steuerbescheid.

Das alles funktioniert. Meistens. Und solange es funktioniert, fragt niemand gern nach den Bedingungen. Man nimmt Platz, freut sich über die weiche Couch und übersieht, dass das Haus einem anderen gehört.

Nun aber zeigt die Welt eine gewisse Neigung zur Nervosität. Und in dieser Nervosität taucht ein Name auf, den man in Europa nicht überhören kann: Donald Trump.

Nicht als alleinige Ursache, gewiss nicht. Aber als sehr brauchbares Beispiel dafür, wie schnell aus Politik eine Zumutung werden kann. Heute ein Zoll. Morgen eine Sanktion. Übermorgen eine neue Blockade, ein Handelskrieg, eine Drohung gegen europäische Regulierung oder eine Entscheidung, die am Vormittag noch niemand für möglich hielt und am Nachmittag schon Weltlage ist.

So etwas nennt man dann „America First“. Für alle anderen heißt es: Seht zu, wo ihr bleibt.

Die EU diskutiert deshalb inzwischen wieder deutlich stärker über technologische Souveränität, Cloud-Infrastruktur und geringere Abhängigkeit von US-Konzernen wie Amazon, Microsoft und Google. Laut aktuellen Berichten kontrollieren diese drei Anbieter einen sehr großen Teil des europäischen bzw. globalen Cloud-Marktes; genau diese Dominanz treibt die europäische Debatte über eigene Cloud- und KI-Infrastruktur an.

Die Bequemlichkeit als Falle

Microsoft ist nicht böse, weil Microsoft Microsoft ist. Amazon ist nicht automatisch ein Feind, weil Amazon große Rechenzentren betreibt. PayPal ist nicht verwerflich, weil man damit schnell bezahlen kann.

Das Problem ist schlichter: Wer keine Alternative hat, hat keine Wahl.

Und wer keine Wahl hat, muss nehmen, was kommt: neue Preise, neue Nutzungsbedingungen, neue Kontosperrungen, neue Datenschutzprobleme, neue politische Risiken. Das gilt für Privatleute, kleine Firmen, Schulen, Behörden und ganze Staaten.

Wenn ein Handwerksbetrieb seine E-Mails, Kundendaten, Rechnungen, Kalender, Dateien und Backups vollständig bei einem einzigen Anbieter liegen hat, dann ist das praktisch. Aber es ist auch eine Art digitales Leihverhältnis. Und wer leiht, besitzt nicht.

Trump als Warnschild

Donald Trump hat Europa nicht digital abhängig gemacht. Das haben wir schon selbst erledigt. Sehr gründlich sogar.

Aber seine erratische Politik macht sichtbar, wie gefährlich diese Abhängigkeit werden kann. Wenn politische Entscheidungen plötzlich wie aus der Schublade eines übermüdeten Hoteldirektors gezogen werden – Zölle hier, Sanktionen dort, Drohungen gegen Handels- und Digitalregeln dazwischen –, dann merkt man: Infrastruktur ist nie nur Technik. Infrastruktur ist Macht.

Die EU musste sich bereits mit amerikanischen Drohungen gegen europäische Digitalregulierung auseinandersetzen; 2025 verteidigte die Kommission ausdrücklich ihr Recht, Tech-Konzerne zu regulieren, nachdem Trump zusätzliche Zölle gegen Länder ins Spiel gebracht hatte, die aus US-Sicht amerikanische Technologiefirmen diskriminieren.

Das ist der Punkt. Wenn Europa seine digitale Grundversorgung über Anbieter laufen lässt, die politisch, juristisch und wirtschaftlich außerhalb Europas verankert sind, dann entsteht ein Risiko. Nicht jeden Tag. Aber gerade an den Tagen, an denen es darauf ankommt.

Es geht nicht um Antiamerikanismus

Man muss die Amerikaner nicht verachten, um eigene Schlüssel besitzen zu wollen.

Viele US-Produkte sind hervorragend. Microsoft Office ist stark. Amazon Web Services ist technisch beeindruckend. Apple baut schöne Geräte. Google findet Dinge, manchmal sogar die gesuchten. PayPal ist bequem.

Aber Bequemlichkeit ist nicht dasselbe wie Selbstbestimmung.

Europa muss nicht alles abschalten. Das wäre kindisch. Europa muss aber endlich aufhören, so zu tun, als sei digitale Souveränität ein hübsches Wort für Sonntagsreden. Sie ist eine Vorsorgefrage. Wie eine Datensicherung. Langweilig, bis man sie braucht.

Was wäre konkret zu tun?

Deutschland und Europa müssten mehrere Dinge gleichzeitig angehen.

Erstens: Open Source ernst nehmen.
LibreOffice statt Microsoft Office, wo es sinnvoll ist. Thunderbird statt Outlook, wo es genügt. Linux statt Windows, wo es passt. Nextcloud statt OneDrive, Google Drive oder Dropbox, wenn Dateien, Kalender und Kontakte unter eigener oder europäischer Kontrolle bleiben sollen.

Nicht überall. Nicht dogmatisch. Aber öfter.

Zweitens: Behörden und Schulen dürfen nicht zur Werbeabteilung amerikanischer Plattformen werden.
Wenn Kinder in der Schule nur lernen, wo man bei Microsoft klickt, lernen sie nicht digitale Kompetenz. Sie lernen Markentreue.

Drittens: Europäische Cloud-Anbieter stärken.
Nicht aus Folklore. Nicht, weil die Server dann so schön nach Brüssel riechen. Sondern weil sensible Daten, Verwaltungsakten, Gesundheitsdaten und Betriebsgeheimnisse nicht vollständig von US-Hyperscalern abhängig sein sollten. Die EU arbeitet aktuell an Maßnahmen, um europäische Cloud- und KI-Infrastruktur auszubauen und Beschaffung stärker nach Souveränitätskriterien auszurichten.

Viertens: Eigene Zahlungssysteme entwickeln.
PayPal ist bequem. Aber Europa braucht eigene digitale Zahlungswege. Wer bezahlt, überträgt nicht nur Geld. Er überträgt Daten, Gewohnheiten und Marktmacht.

Fünftens: Offene Standards verwenden.
Dokumente, Kontakte, Kalender, Rechnungen und Archive müssen so gespeichert werden, dass man sie auch morgen noch öffnen kann – und zwar nicht nur mit dem Segen eines einzigen Konzerns.

Sechstens: Rauskommen muss möglich bleiben.
Die entscheidende Frage bei jeder Software lautet nicht nur: „Kann sie das?“ Sondern auch: „Komme ich da wieder weg?“

Was private Nutzer tun können

Auch zuhause kann man anfangen. Ohne Revolution. Ohne Parolen. Ohne Linux-Fahne auf dem Balkon.

Man kann LibreOffice ausprobieren.
Man kann Thunderbird für E-Mails verwenden.
Man kann wichtige Dateien zusätzlich auf einer externen Festplatte sichern.
Man kann prüfen, ob wirklich alles in OneDrive, iCloud oder Google Drive liegen muss.
Man kann PayPal nicht automatisch überall als erste Wahl nehmen.
Man kann bei jedem neuen Dienst fragen: Wer besitzt meine Daten? Wo liegen sie? Was passiert, wenn mein Konto gesperrt wird?

Das sind einfache Fragen. Gerade deshalb werden sie so selten gestellt.

Freiheit ist unbequem

Digitale Unabhängigkeit kostet Mühe. Man muss umstellen, lernen, sichern, prüfen, erklären. Es gibt alte Vorlagen, alte Makros, alte Gewohnheiten und neue Flüche. Wer je versucht hat, eine Verwaltung von einem gewachsenen Microsoft-System zu lösen, weiß: Das ist kein Walzerabend. Das ist eher Kellerentrümpelung mit angeschlossener Selbstprüfung.

Aber der Aufwand lohnt sich.

Denn Abhängigkeit ist nur so lange bequem, wie die andere Seite freundlich bleibt. Wenn aber plötzlich politische Launen, Handelskriege, Sanktionen, Zölle oder nationale Alleingänge dazwischenfunken, dann wird aus Komfort sehr schnell ein Käfig mit Benutzerkonto.

Schluss

Europa muss digital erwachsen werden.

Nicht laut. Nicht beleidigt. Nicht antiamerikanisch. Sondern nüchtern, klug und mit der stillen Entschlossenheit eines Menschen, der endlich seinen Ersatzschlüssel nicht mehr beim Nachbarn liegen lässt, der gelegentlich mit dem Flammenwerfer grillt.

Donald Trump ist dabei nicht das ganze Problem. Aber er ist eine Erinnerung daran, dass Weltpolitik nicht immer vernünftig ist. Und dass man seine Rechnungen, E-Mails, Server, Zahlungswege und Behördenakten besser nicht vollständig in Systeme legt, auf die man im Ernstfall keinen wirklichen Einfluss hat.

Denn Nutzer zu sein, klingt modern.
Aber Nutzer sein heißt nicht Eigentümer sein.
Und schon gar nicht frei.