Wenn heute jemand ein iPhone, ein MacBook oder ein iPad in die Hand nimmt, denkt er meistens an Apple. An Kalifornien. An Steve Jobs. An die große Bühne mit schwarzem Rollkragenpullover.

Aber ein Teil dieser Geschichte beginnt nicht in Cupertino. Sondern in Deutschland. Genauer: bei Braun, in Frankfurt und Kronberg. Dort entstand ab den 1950er Jahren eine Designkultur, die weltweit berühmt wurde: sachlich, elegant, langlebig, verständlich. Technik sollte nicht protzen. Sie sollte dienen. Eine geradezu revolutionäre Idee, wenn man sich manche Geräte bis heute anschaut.

Warum gerade Braun Designer engagierte

Braun war nicht die einzige Firma, die Designer beschäftigte. Aber Braun tat es früh, ernsthaft und systematisch. Nach dem Tod des Firmengründers Max Braun übernahmen seine Söhne Erwin und Artur Braun Anfang der 1950er Jahre das Unternehmen. Sie wollten nicht einfach nur neue Radios, Rasierer und Küchengeräte bauen. Sie wollten der ganzen Firma ein neues Gesicht geben. Produkte, Werbung, Messestände, Bedienungsanleitungen, Verpackungen – alles sollte zusammenpassen. Heute nennt man das Corporate Identity. Damals war das in Deutschland ziemlich kühn.

Braun arbeitete mit Gestaltern der Hochschule für Gestaltung Ulm zusammen, darunter Hans Gugelot und Otl Aicher. 1955 zeigte Braun auf der Düsseldorfer Funkausstellung erstmals Geräte in dieser neuen, klaren Formensprache. Das war kein Deko-Programm. Es war eine Haltung: Weg von der schweren Wohnzimmermöbel-Optik, hin zu leichter, funktionaler, moderner Technik.

Wer war Dieter Rams?

Dieter Rams, geboren 1932 in Wiesbaden, kam 1955 zu Braun. 1961 wurde er Leiter der Designabteilung und prägte über Jahrzehnte das Erscheinungsbild der Marke. Seine bekannteste Formel lautet: „Weniger, aber besser.“ Seine Produkte für Braun und Vitsoe gelten bis heute als Klassiker: Radios, Plattenspieler, Rasierer, Taschenrechner, Regalsysteme. Keine modischen Faxen. Keine unnötigen Knöpfe. Keine Gestaltung, die sich wichtiger nimmt als der Mensch, der das Gerät benutzen soll.

Rams formulierte später seine berühmten zehn Regeln für gutes Design. Gutes Design soll nützlich, verständlich, unaufdringlich, ehrlich, langlebig und möglichst wenig Design sein. Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Sonst würden nicht so viele Geräte aussehen, als hätten fünf Abteilungen gleichzeitig daran herumgezogen.

Warum lieben besonders viele Japaner dieses Design?

Japan hat eine starke Tradition für Reduktion, Präzision, Materialehrlichkeit und stille Schönheit. Genau dort trifft Braun-Design einen Nerv. Es ist nicht laut. Es will nicht dominieren. Es lässt Raum. Das passt zu ästhetischen Vorstellungen, die man auch aus japanischer Architektur, Handwerkskunst und Marken wie Muji kennt: schlicht, funktional, sorgfältig, ohne großes Marken-Gebrüll. Die Rams Foundation beschreibt, dass Braun und Dieter Rams in Japan, China und Korea seit langem sehr bekannt sind; Ausstellungen wie „Less and More“ wurden 2008/2009 in Osaka und Tokio gezeigt.

Der japanische Designer Naoto Fukasawa, eng mit Muji verbunden, steht ebenfalls für diese Idee des „super normal“: Dinge sollen so selbstverständlich funktionieren, dass man gar nicht ständig über sie nachdenken muss. Das ist sehr nah an Rams. Und sehr weit weg von blinkendem Plastikschrott mit 17 Sondertasten, von denen 14 niemand braucht.

Hat Steve Jobs Braun kopiert?

„Kopiert“ ist etwas hart. Aber Apple hat sich sehr deutlich inspirieren lassen. Vor allem Apples Chefdesigner Jonathan Ive bewunderte Dieter Rams offen. Viele Apple-Produkte zeigen eine klare Verwandtschaft: reduzierte Formen, ruhige Flächen, präzise Details, wenig sichtbare Bedienung, Konzentration auf das Wesentliche. Auch Rams selbst sagte im Dokumentarfilm „Objectified“, Apple sei eine der wenigen Firmen, die nach seinen Grundsätzen entwerfe.

Man sieht die Nähe sehr konkret: Der iPod erinnert in seiner Klarheit an den Braun T3-Taschenradio. Die frühe iPhone-Rechner-App erinnerte stark an Braun-Taschenrechner. Apples Weltuhr-Ästhetik wurde häufig mit Braun-Uhren verglichen. Apple hat das nicht eins zu eins erfunden. Apple hat es in die digitale Gegenwart übertragen – mit Aluminium, Glas, Software und großem Marketing. Braun war die stille Schule. Apple war die Weltbühne.

Was war sozial besonders an Braun?

Braun war unter Erwin und Artur Braun nicht nur eine Designfirma, sondern auch ein bemerkenswert sozial geführtes Unternehmen. Die Brüder verstanden sich nicht allein als Gewinnmaximierer, sondern als Unternehmer mit Verantwortung gegenüber den Beschäftigten. Zeitzeugenberichte beschreiben Braun trotz Wachstum als eine Art Familienbetrieb, in dem Mitarbeitende grundsätzlich Zugang zur Unternehmensleitung hatten. Das Unternehmen wuchs von etwa 150 Beschäftigten nach dem Krieg auf mehrere Tausend Mitarbeitende.

Das passt auch zur Designhaltung: Ein Gerät soll dem Menschen dienen. Und ein Unternehmen sollte seine Leute nicht wie austauschbare Schrauben behandeln. Natürlich war Braun kein Paradies auf Erden. Es war Industrie. Es gab Druck, Markt, Produktion, Hierarchien. Aber im Rückblick gilt die Braun-Ära unter den Brüdern Braun als ungewöhnlich menschlich, kulturinteressiert und verantwortungsbewusst.

Warum gibt es bis heute so begeisterte Braun-Fans?

Weil die alten Braun-Geräte etwas Seltenes haben: Sie altern würdevoll. Viele sehen nach 40 oder 50 Jahren immer noch modern aus. Nicht nostalgisch im Sinne von „ach, war das früher niedlich“, sondern tatsächlich gut gestaltet. Ein Braun-Radio, ein Taschenrechner, ein Plattenspieler oder ein Rasierer aus der Rams-Zeit wirkt oft klarer als vieles, was heute neu im Regal liegt.

Fans sammeln Braun nicht nur wegen der Marke. Sie sammeln eine Haltung. Vernunft. Maß. Material. Funktion. Das Versprechen: Hier hat jemand nachgedacht, bevor er Plastik in eine Form gegossen hat. Deshalb stehen Braun-Geräte in Museen, Designsammlungen und Wohnungen von Menschen, die bei grellen Hochglanzprospekten körperliche Beschwerden bekommen.

Was änderten Gillette und Procter & Gamble?

1967 übernahm Gillette die Aktienmehrheit an Braun. 2005 kam Braun mit Gillette zu Procter & Gamble. Damit veränderte sich die Logik des Unternehmens. Aus der eigenständigen deutschen Design- und Elektrogerätefirma wurde schrittweise eine Marke innerhalb großer internationaler Konsumgüterkonzerne. Braun blieb bekannt, aber die große, einheitliche Designkultur der Rams-Zeit wurde schwerer zu halten.

Unter Gillette und später P&G rückten Rasur, Körperpflege und markenstrategische Verwertung stärker in den Vordergrund. P&G betreibt in Kronberg heute unter anderem ein Global Device Center sowie ein Braun-Werk für Scherteile und Kunststoffveredlung. Das zeigt: Braun existiert weiterhin, aber nicht mehr als jene umfassende Gerätewelt von früher, in der Radio, Küchenmaschine, HiFi-Anlage, Rasierer, Uhr und Taschenrechner wie Mitglieder einer einzigen gut erzogenen Familie wirkten.

Braun hat gezeigt, wie moderne Technik aussehen kann

Braun war besonders, weil dort Technik, Gestaltung und Unternehmenskultur zusammenkamen. Nicht als Werbespruch, sondern als System. Dieter Rams gab dieser Haltung eine Form. Japan erkannte darin eine verwandte Idee von Ruhe und Präzision. Apple machte daraus, über Steve Jobs und Jonathan Ive, die Ästhetik des digitalen Zeitalters.

Man könnte auch sagen: Braun hat gezeigt, wie moderne Technik aussehen kann, wenn man sie ernst nimmt. Apple hat gezeigt, wie viel Geld man damit verdienen kann.

Auch eine Leistung. Nur etwas lauter.